Ahasver`s Ruheplatz
Dort, wo sich wild und schauerlich im Aargletscher in tiefer Eiskluft zwischen dem Lauteraarhorn und den Wetterhörnern jene düstere Felsenhöhle öffnet, die, eine Zufluchtsstätte der Gemsenjäger, unter dem Namen "die Jägerhütte" bekannt ist, war der Ruheplatz Ahasver's, kam er auf seiner ewigen Wanderung nach der Schweiz, dem einzigen Lande auf Erden, wo der im Zorn noch gnädige Gott seinem irrenden Fuss eine kurze Rast gegönnt hatte. Dort, so berichtet die Sage, habe er, nachdem er bei seinem ersten Kommen an jener Stelle unter schattiger Rebenlaube, das zweite Mal aber in dichtem Waldgebüsch geruhet und endlich beim dritten Mal seinen Ruheplatz voll starrem Eis umgeben, und nichts als Schnee- und Eisfelder angetroffen habe, kündend prophezeit: er werde zum vierten Male wieder kommen; dann aber werde ein einziger Gletscher sein was vom Brienzer See weg bis nach Wallis hinauf jetzt noch fruchtbares Talgelände, grüne Matte und grasreiche Alp ist und auf ewigem Eis werde er von da aus wallfahrten und die Stätte aufsuchen müssen, wo allein er findet, was ihm sonst überall auf Erden versagt ist - Ruhe für seinen müdgehetzten Leib.
C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen, Leipzig 1854.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch